Leben mit angezogener Handbremse

Viele haben in der vergangenen Zeit mitbekommen, dass ich gesundheitlich angeschlagen bin.
Ich bin phasenweise nicht leistungsfähig, kann nicht normal essen, nehme dann schlagartig ab und bin dauermüde.
Warum das so ist, verstehen die Wenigsten, denn die Zusammenhänge sind auch mir lange nicht klar gewesen.
Angefangen hatte alles mit einer sehr ausgeprägten Histaminintoleranz.
Zu diesen Zeiten habe ich lange Strecken nur Kartoffeln und Reis essen können. Ich musste jeden Tag Medikamente nehmen und meine Unterarme sahen durch Juckreiz und Kratzen wirklich schlimm aus.
Auswärts essen oder bei Freunden eingeladen sein war da sehr schwierig.
Zeitgleich stellten sich starke Darmprobleme ein. Dauerdurchfall, Krämpfe, Blähungen. Da wurde einkaufen gehen schon zum Wagnis.
Für mich stand das in direktem Zusammenhang mit der Histaminintoleranz – aber eine wirkliche Therapie konnte mir kein Arzt vorschlagen.
Vor ungefähr einem Jahr wurde bei mir eine chronische Schilddrüsenentzündung diagnostiziert. Von den Ärzten bekam ich wieder nur Medikamente, aber keinerlei Information.
Erst als ich mir Rat bei einer Freundin geholt habe, wurden mir langsam die Zusammenhänge klar. Und als ich mich dann bei einer Selbsthilfegruppe eingetragen habe, platze der Knoten.
Jetzt erst verstand ich, dass alles zusammenhängt und das der Verursacher die Schilddrüse ist, die von meinem Immunsystem attackiert wird und dauerhaft einen Entzündungsherd darstellt.
Die Erkrankung wirdHashimoto-Thyreoiditis genannt und ist eine Autoimmunkrankheit.
Nach aussen hin kann niemand diese Krankheit wahrnehmen und sie zeigt sich oft auch nicht auf Anhieb bei einer Auswertung der Blutwerte.
Sie lässt sich nicht auf ein bestimmtes Krankheitsbild eingrenzen, aber die Symptomliste ist lang. Sehr lang.
Es fängt an bei undefinierbaren Schmerzzuständen, von denen ich zeitweise auch stark betroffen bin. Rücken und Hüfte schmerzen dann wochenlang so heftig, dass ich kaum die Treppe hochkomme.
Die Zeiten, an denen ich energiegeladen durchs Leben gegangen sind, sind vorbei. Wo vorher noch Tatendrang und körperliche Power da war, bleiben heute nur elendige, bleierne Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Erschöpfung.
Regelmässiger Sport ist momentan nicht möglich – ich brauche die wenige Energie, um durch meinen Tag zu kommen.
An manchen Tagen habe ich starke Kälte- und Hitzeschübe. Phasenweise laufe ich dick eingepackt herum und schlafe mit Kirschkernkissen. Und dann gibt es Tage, an denen ich bei winterlichen Temperaturen barfuss durchs Haus laufe und mich dreimal am Tag umziehen muss, weil alles durchgeschwitzt ist.
Meine Haut ist phasenweise so trocken, dass sie dünn wie Papier ist. Meine Haare brechen ab – von den Fingernägeln ganz zu schweigen. Glücklicherweise habe ich keine starken Ausschläge mehr – aber auch das ist unter Hashimoto Normalität und wäre nicht verwunderlich.
Letztes Jahr habe ich plötzlich zugenommen. Und egal, ob ich trotz Müdigkeit ein knallhartes Sportpensum durchgezogen habe – oder meine Essensbilanz genau getrackt und optimiert hatte, ich habe nicht abgenommen.
Glücklicherweise hat sich das wieder gegeben, als ich meine Darmprobleme mit Hilfe neuer Informationen angegangen bin. Und siehe da – momentan habe ich wieder Normalgewicht und keinen Durchfall mehr.
(Aberauf das Normalgewicht kann ich mich leider nicht verlassen, da ich in hochsensiblen Zeiten schnell mal 8 Kilo in zwei Wochen abnehme. Grmpf!)
Leider gesellen sich zu der chronischen Schilddrüsenentzündung auch andere Autoimmunerkrankungen. Aber glücklicherweise ist da bei mir (ausser dem LeakyGut – Syndrom) noch nichts zu vermelden! Und auch die weit verbreiteten Depressionen haben sich bei mir ZUM GLÜCK noch nicht gezeigt – denn gerade hier werden Patienten mit Hashimoto nicht Ernst genommen und falsch behandelt. Viele bekommen Schlafmittel und Antidepressiva und rutschen in lange Klinikaufenthalte ab, die ihnen dauerhaft nicht helfen, weil die Ursache ganz woanders liegt.
Ihr seht – die Liste ist lang. Und ich könnte sie noch durch zu hohes Cholesterin, Probleme mit Gallenblase, Blutdruck, Diabetes und Herz ergänzen.
Durch Kurzatmigkeit, erhöhte Leberwerte, Probleme mit den Zähnen, dem Zahnfleisch oder dem Kiefer.
Aber zum Glück betreffen mich diese Probleme wirklich nur am Rand bzw. kenne ich sie nur von anderen.
Wie gesagt – die Symptome sind endlos.
Und f
Zu gross ist das Auf und Ab. Zu undurchschaubar sind die Symptome und zu uneinheitlich ist der Krankheitsverlauf.
Was heute ging, geht morgen nicht mehr.
Ich habe mich weitestgehend aus allen öffentlichen Verpflichtungen herausgezogen und fahre sehr gut damit. Denn meine wenige Energie stecke ich lieber in meine Familie. Zwar kann ich vieles nur im Schneckentempo erledigen und brauche die Unterstützung meines Herzensmannes – aber alles in allem habe ich mich angepasst.
Ich habe gelernt, meine Erkrankung zu akzeptieren und mir die neuen Lebensumstände zu Nutzen zu machen.
Fahren mit angezogener Handbremse ist zwar uncool – aber auf Dauer nimmt man die Geschehnisse rechts und links der Fahrbahn viel stärker wahr.
Da sehe ich neue Farben und rieche neue Gerüche – da lerne ich auf einmal ganz andere Menschen kennen. Menschen, die ich auf der Überholspur nicht angetroffen hätte.
Oft hadere ich mit meinem Gesundheitszustand – aber letztenendes ist es genau er, der mich zu neuen Ufern treibt.
Bis bald, meine Lieben!
Namasté!

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