Wenn Freude Bauchweh macht – vom Leben mit hochsensiblen Kindern

Karneval. Rosenmontag.
Lange herbei gesehnt.
Schon Tage vorher hörten wir ‚Ich halt’s nicht mehr aus!‘ und das abendliche Loslösen vom Tag fiel immer schwerer.
Tränen. Zappeligkeit. Der Fokus verrutscht in die Innenwelt.
Dort ist es schon laut und bunt. Dort dreht sich die Welt.
Und das Gemüt will nur noch Tanzen, Lachen und den Alltag vergessen.

Dann endlich ist der jecke Tag da. In der Schule ist eine Karnevalsparty über Tische und Bänke angekündigt. Pollonaise durch alle Räume. Geschicklichkeitsspiele.
Alles, was das Kinderherz höher schlagen lässt.

An diesem Morgen steht mein wunderbares Braunauge auf und weint.
Alles tut weh. Und der Bauch. Der am schlimmsten.
Schminken und Kostüm anziehen geht nur unter Tränen.
Als ich meine Jacke überwerfe, um die Kinder zur Schule zu bringen, sitzt mein grosses Mädchen weinend mit einem Kirschkernkissen an den Bauch gepresst im Eingang.

Sie entschliesst sich, trotz Schmerzen zu gehen. Tapfer zu sein und sich in das wilde Treiben zu stürzen. Denn Verkleidung und Freude wollen nicht umsonst gewesen sein.

Als ich nach Schulschluss aus dem geparkten Auto steige, bleibt mir kurz das Herz stehen.

Ich sehe mein Mädchen auf der anderen Strassenseite.
Die Haare wild. Die Augen leer. Die Jacke hängt schief an ihr; sie schleift ihren Ranzen bis zur Ampel; ihre Augen suchen nach mir.
Bei 3 Grad Aussentemperatur trägt sie ihre Strumpfhose nicht mehr und läuft mir verwirrt und ausgebrannt in die Arme.

Die Strumpfhose? Die hatte ein Loch. Und das war ihr so peinlich.
Und laut war es. Musik aus den Lautsprechern. Und die Kostüme! Alle Kinder sahen so anders aus.
Dass es draussen kalt war, konnte sie nicht mehr spüren. Alle Sensoren überlastet.
In meinen Armen brach sie zusammen und die tiefen Schatten unter ihren Augen waren nicht da, weil ich sie morgens so geschminkt hatte.

In meinem Kopf drehte sich alles. Mein Herz tat beim Anblick meiner völlig überlasteten Tochter weh.
Zuhause habe ich mein Mäusemädchen abgeschminkt. Schnell warmen Kakao und Griesbrei gekocht und mein Braunauge in warme Sachen gepackt.
Wehrlos liess sie sich nach dem Essen von mir nach oben in ihr Bett bringen, wo sie schwer atmend dann in meinem Arm lag.

‚Mama, in meinem Kopf ist es so laut. So viele bunte Bilder. Ich kann so nicht schlafen‘ stöhnte sie.
‚Das macht nichts. Stell‘ Dir vor, Du sitzt vor dem Fernseher und schaust Dir die Bilder an. Lass den Fernseher einfach ein bisschen laufen.‘

Drei Stunden später kam mein Braunauge die Treppe von oben herunter. Die Wangen vom Schlaf gerötet, die Augen aber wieder klar.
‚Mama! Ich hab‘ Fernsehen geschaut. Und dann bin ich eingeschlafen!‘

Heute Morgen hatte das wunderbare Kind immer noch Bauchschmerzen. Sie wollte trotzdem zur Schule gehen, denn die Angst, den Anschluss zu verlieren ist gross.
Das Kostüm von gestern hat sie heute Morgen gleich als erstes in den Sack mit den Verkleidungen gestopft. ‚Damit bin ich durch. Karneval tut nicht gut.‘

 

Jetzt sitze ich hier und beim Tippen meiner Worte laufen mir die Tränen über’s Gesicht. Hochsensibel zu sein ist unendlich schwer zu tragen und unglaublich Kräfte zehrend.
Kinder mit diesem besonderen (psychologischen und neuropsychologischen) Phänomen nehmen Sinnesreize viel eingehender wahr, verarbeiten diese tiefer und reagieren auch dementsprechend stärker darauf als der Bevölkerungsdurchschnitt (Zitat Wikipedia).

Als Mutter, der dieses Phänomen ebenfalls durch die Adern läuft, kann ich mein wunderbares Kind auffangen und halten. Trösten und ihr Instrumente der Achtsamkeit in die Hände legen, die sie anwenden kann, wenn mal wieder alles zu viel wird.
Für dieses Jahr ist Karneval erledigt.
Und nächstes Jahr zeige ich ihr, dass Trubel und buntes Treiben schön sein kann. Total verrückt und ausgelassen.
Und so, dass man am nächsten Tag Bauchweh hat.

Vom Lachen.

 

Bis bald!

Unbenannt

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nadja sagt:

    Oh das kenne ich sehr gut, meine Tochter hatte sowas auch schon oft -am schlimmsten an ihrem letzten Geburtstag . Als Mutter erstmal kaum auszuhalten und doch ist es so wichtig ruhig zu bleiben und hält zu geben. Und die Außenwelt mit ihren Kommentaren zu ignorieren. Danke für das Teilen eurer Geschichte!

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    1. mommindful sagt:

      Danke DIR, Nadja. Zusammen geben wir unseren Mäusen Halt!

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